Warum Pflegenotstand? Zeit kostet Geld!

Zeit hat die Pflege aber nicht, warum? Bei einem guten, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Personalschlüssel und einem Mix über alle Pflegegrade, haben Mitarbeiter in 24 Stunden eines Tagesablaufs durchschnittlich 90 Minuten Zeit für jeden Bewohner zur Verfügung und das nur, wenn keiner krank ist. Damit müssen sie ebenso den demenziell veränderten, den schwerstpflegedürftigen und auch den sterbenden Menschen individuell, fachlich und umfangreich medizinisch versorgen, pflegen und betreuen, die administrativen Aufgaben erfüllen, die Übergaben zu den nachfolgenden Kollegen durchführen, mit den Angehörigen sprechen, sich fortbilden und wenn die Putzfrau nicht mehr da ist, auch den aktuellen Dreck wegmachen, damit es „ordentlich aussieht“. Sie sollen schnell, fachkompetent und zielgerichtet auf schwierigste Situationen und Notlagen reagieren, für die Angehörigen immer ein freundliches Wort haben, dem Arzt Rede und Antwort stehen, beim Materialeinsatz sparsam wirtschaften und bei jedem Wechsel in der Leitung sich sofort auf den neuen Vorgesetzten offen und loyal einstellen.  Pflegenotstand ist das Ergebnis einer permanenten Überbelastung der Pflegekräfte bei knappsten Personalschlüssen, steigenden Zahlen Schwerstpflegebedürftiger, ausufernder Administration und abnehmender Anerkennung dieses Berufes durch Politik und Gesellschaft.

Die Mitarbeiter sagen nichts, weil sie Angst haben. Die Pflegelobby stellt immer schöne Forderungen auf, sucht aber mit der Politik nur den kleinsten gemeinsamen Nenner. Einrichtungsleitungen, die die Situation richtig einschätzen, sprechen von erheblichen Problemen, aber da bei ihnen immer noch „Alles ganz gut geht“, will man die eigene Arbeit, die Kollegen und den Beruf nicht diskreditieren. Was ist aber die Konsequenz? Die Teufelsspirale dreht sich immer weiter nach unten, permanente Überforderungen, steigende Krankheitsquoten, zunehmende Aussteiger; die verbleibenden Mitarbeiter verwalten nur noch den Mangel. Die Politik wird weiterhin alle Probleme gut verstehen, öffentlichkeitswirksame Retusche betreiben, aber niemals das Geld in die Pflege geben, das notwendig ist, um einen wirklichen Schub nach oben zu ermöglichen.

  • Die nicht verhandelbare Forderung heißt: eine gleiche Bezahlung für alle Pflegekräfte, mit einem bundeseinheitlichen Personalschlüssel, und die Konsequenzen daraus sichern, kostendeckende Pflegesätze.
  • Voraussetzungen: Ein flächendeckender Tarifvertrag für Pflegekräfte, ein Heimgesetz Bund (hatten wir bis zur Föderalismusreform 2006), das für alle die gleichen Standards festlegt und verbietet, das Versichertenbeiträge, Steuergelder und Eigenmittel, mit denen Pflege bezahlt wird, in die Hände von Fondsmanagern und Spekulanten gehört.
    Illustration: Jürgen Pankarz

    Die Politik ist in der Verantwortung, sie wird nicht glaubwürdiger durch noch mehr „faule“ Kompromisse, sondern durch klare, nachvollziehbare und problemlösende Entscheidungen. Es ist aber zu befürchten, dass diese Kanzlerin mit ihrem Gesundheitsminister in dreieinhalb Jahren, wenn sie denn so lange durchhalten, wieder keine befriedigenden Lösungen anzubieten haben und dann steckt das Kind sicher schon bis zum Hals im Brunnen. Wir brauchen dringend einen flächendeckenden, nachhaltigen Protest der Fachwelt, nur Einigkeit macht stark.

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