„Ja, wir haben verstanden“ und keiner versteht!

Beim Mittagessen in einem Selbstbedienungsrestaurant sitzt neben mir am Tisch eine Mutter und ihr 11 Monate altes Baby. Als ich mein Essen hinstelle, steht die Mutter gerade auf und sagt zu dem Kind: „ Du machst das schon“ und geht zu dem Bäcker nebenan, um sich noch etwas zu holen. Ich schaue zu dem Baby hin und lächle es an, wir haben schnell Blickkontakt und ihr Gesicht entspannt sich, ich reagiere auf ihre Mimik und Gestik, wir lächeln, zwinkern, bewegen den Kopf hin und her, der kleine Spatz agiert und reagiert fröhlich mit unterschiedlichen Lauten und Geräuschen und so kommunizieren wir eine Weile, bis die Mutter wiederkommt.

Das 3. Axiom von Watzlawick heißt „Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung“ oder man kann auch sagen „so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Übertragen wir das auf die aktuelle Pflegesituation, stellen wir schnell fest, die in der Pflege Aktiven rufen, „Hilfe, wir können nicht mehr“ und die auf der anderen Seite des Kommunikationskreises sagen: „Ja, wir verstehen euch“, sie antworten aber mit Beruhigungen, Versprechungen, Ausflüchten. Die Rufer erwarten aber Antworten, Antworten die ihnen helfen, Entspannung und Erleichterung in ihre Arbeit bringen. Was machen Menschen, wenn ihre Hilferufe nicht verstanden, nicht ernst genommen werden? Kommunikation ist ein Kreislauf, Reiz- Reaktion. Einige reagieren mit Rückzug, andere werden aggressiv und wütend. Hätte ich auf das Baby nicht reagiert, es nicht beachtet und weggeschaut, die Gesichtszüge veränderten sich schon, als die Mutter wegging, was wäre passiert, womöglich hätte es schnell angefangen zu weinen oder gleich zu schreien. So ist es auch beim Thema Pflegenotstand, endlich äußern sich Pflegekräfte und sagen: „Wir brauchen mehr Zeit für die Menschen, unsere Fachlichkeit ist in Frage gestellt und die Werte wie Respekt und Würde vor dem Leben, gehen den Bach runter“ und Politik antwortet: „ Ja, ja , wir müssen auf unsere Gesetze und Finanzen achten.

Es scheint ein Phänomen der politischen Entwicklung zu sein, der Bürger hat nicht mehr die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Politiker, sie hören nicht zu und so entwickelt sich eine Verhaltenskette, die an vielen Stellen unterbrochen ist, das nennt man Kommunikationsstörungen. Die Folgen sind absehbar, die Menschen ziehen sich zurück, machen ihr „eigenes Ding“, d.h. in der Pflege, Rückzug in Krankheiten oder Ausstieg aus dem Beruf, ein Teil wird die „Kommunikation“ mit kämpferischen Mitteln, wie Demonstrationen, Briefen oder „Hilferufe“ in den Sozialen Medien fortsetzen, aber das bleibt eine einseitige Reaktion ´auf das nicht gehört werden` und die Gefahr steigt immer weiter, dass die Pflegesysteme nach den aktuellen ersten Implosionen dann auch explodieren.

Illustration Jürgen Pankarz

Die Kommunikationskette zwischen Politik und Bürgern ist zerrissen, die Meinungen der Bürger lassen Politiker sich von Wissenschaftlern gefiltert in sogenannten wissenschaftlichen Expertisen übermitteln und haben dabei das Gefühl, fundierte Aussagen zu bekommen, weil es doch wissenschaftlich begründet ist. Gesetze und Projekte werden dann durch Lobbyisten und Fach-Experten begleitet und gesteuert, und die Stimme des Volkes ist längst im Hintergrund verhallt, so wie es die Pflege z.Z.t erlebt. Ich wünsche mir, dass Politiker wieder zuhören, und spüren was die Menschen ihnen zu sagen haben. Wenn sie dann antworten, dann bitte so, dass der Gesprächskreislauf nicht durch ihren eigenen Rückzug aus Angst vor der Realität unterbrochen wird und zu noch mehr Frustration und Lähmung führt, sondern eine Kette von positiven Impulsen und wirklichen Lösungen initiiert. Antworten der Politik könnten z.B. für die Pflege lauten: „ Ja wie haben verstanden, bis zum Jahresende bringen wir ein Gesetzt für einen einheitlichen Tarifvertrag für Pflege auf die Beine, der Eigenanteil der Betroffenen wird auf eine Summe von 1000 Euro pro Monat festgeschrieben und es gibt ein Gesetz, dass mit Pflege keine Gewinne mehr gemacht werden dürfen. Das alles kostet sehr viel Geld, aber wir haben über Jahre hinweg die Pflege in die falsche Richtung gelenkt und müssen jetzt umsteuern, das ist unsere Verantwortung für die pflegebedürftigen Menschen“. Stellen wir uns vor, so würden verantwortungsvolle Politiker reagieren, dann wäre Ursache und Wirkung im Kommunikationskreislauf zwischen Bürgern und Politikern wieder im Einklang.

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