Herr Spahn, sie müssen sich entscheiden: Markt oder Qualität

Untertitel: Kann aus dem derzeitigen Pflegemarkt ein fachlich stabiles und menschwürdiges Angebot für Pflegebedürftige werden? Die Entwicklung der letzten 20 Jahre zeigt sehr deutlich, Politik hat die Pflege für den Markt  frei gegeben, aber auch mit einer Fülle von Regeln, Vorschriften und Begrenzungen überzogen und damit die heutige Situation provoziert. In diesem Markt haben sich einige ihre Nischen gesucht, andere agieren im gesetzlichen Rahmen mehr recht als schlecht, aber viele wissen nicht mehr, wie sie mit den gesetzlichen Bedingungen und finanziellen Begrenzungen noch eine menschenwürdige Arbeit machen können.

Die Politik ist nun in der Klemme, sie sieht auf der einen Seite die katastrophalen Ergebnisse ihrer Jahrzehnte lagen Politik, Herr Spahn hat zwar zügig verstanden, dass der Personalmangel  unmenschliche und lebensbedrohliche Situationen in der Altenhilfe hinterlässt, weiß aber auf der anderen Seite auch, dass er weder bei den Sozialversicherungen noch bei Steuermitteln so viel Geld locker machen kann, wie notwendig wäre. Seine Versprechungen und Ankündigungen in der Öffentlichkeit diesbezüglich halten sich deshalb auch in Grenzen.

Immer neue Informationen und Hiobsbotschaften werden zwischenzeitlich bekannt, von immer größere Zahlen zum Personalnotstand, steigenden Krankheitsquoten der Pflegekräfte, der zunehmenden Unzufriedenheit von Leitungen (Altenpflegebarometer) und vieles mehr. Gleichzeitig überschlagen sich aber auch die Vorschläge, wie die Situation zu bewältigen sei. Herr Spahn verspricht 13000 Stellen, von denen keiner weiß, wo die Fachkräfte dafür herkommen sollen, ein einheitlicher Tarifvertrag wird beschworen, das Land Hessen reduziert schnell mal die Einstiegsschwelle zur Ausbildung auf Null, immer wieder wird der Vorschlag Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren aufgefrischt, aber eine wirkliche Vorstellung zur einer grundlegenden Reform der Pflege von Seiten der Politik unterbleibt.

Was bleibt, sind tausende von Einrichtungen, die nicht wissen, wie sie ihre offenen Stellen besetzen sollen um ihre Bewohner und  Patienten noch einigermaßen versorgen zu können, Ambulante Pflegedienste, die Anfragen nach Pflege ablehnen müssen oder gar Patienten den Vertrag kündigen, weil sie kein Personal haben, Angehörige die überfordert sind, weil sie weder einen Tagespflegeplatz oder Kurzzeitplatz für ihre eigene Entlastung finden und der Druck bei allen Beteiligten nimmt weiter zu und die Konsequenzen sind u.a. auch ein zunehmendes Gewaltpotential, lesen sie dazu einige Berichte!

Die Botschaften, die Politik sendet, lassen befürchten, dass es um Lösungen gehen wird, die nicht viel kosten, die Qualität verringern und die Probleme schnell vom „Tisch schaffen“, damit die negativen Schlagzeigen aus der Presse verschwinden. Nur ein Beispiel, Herr Dr. Albert Kern, Referent im BMG, zieht auf der Altenheim expo 2018 in einem Vortrag zur Digitalisierung in der Altenhilfe folgendes Fazit:
 Von Interesse ist eine digital gestaltete Altenpflege, die das Personal in der ambulanten und stationären Pflege unterstützt.
–  Von Interesse ist eine digital gestaltete Altenpflege, die ohne Qualitätseinbußen den Personaleinsatz in der ambulanten und stationären Pflege messbar verringern kann.
–  Von Interesse sind digitale Angebote, die dazu führen, dass Pflegebedürftige messbar länger zu Hause versorgt werden können.
Digitalisierung in der Altenpflege ja, damit aber messbar den Personaleinsatz zu verringern, zeigt die Zielsetzung, sparen, der Einwurf “ ohne Qualitätseinbußen“ ist das Feigenblatt auf der Aussage. Gleichzeitig berichtet eine Studie über pflegende Angehörige, von einer zunehmenden Anspannung und Gewaltbereitschaft, sowohl bei den Pflegebedürftigen als auch bei den Pflegenden selber: „45 Prozent der Befragten gaben an, mit psychischer Gewalt wie Anschreien, Beleidigen oder Einschüchtern konfrontiert worden zu sein, elf Prozent berichten über körperliche Übergriffe wie grobes Anfassen, Kratzen oder Schlagen. Pflegende werden aber auch selbst teilweise gewalttätig. 40 Prozent räumten ein solches Verhalten für den Zeitraum des letzten halben Jahres ein. Mit 32 Prozent dominiert psychische Gewalt, zwölf Prozent gaben körperliche Gewalt an, elf Prozent nannten Vernachlässigung und sechs Prozent berichteten über freiheitsentziehende Maßnahmen“.

Herr Spahn hat noch nicht verstanden, in der Altenpflege hat sich in den letzten Jahrzenten eine Situation entwickelt, die einen unerträglichen Druck auf Pflegende wie Pflegebedürftige ausübt, der zu unüberwindlichen Belastungen in der jetzigen Situation führt, in denen der Pflegende letztendlich immer der „Stärkere“ bleiben muss, d.h. von freiheitsentziehenden Maßnahmen über Sedieren bis zur Vernachlässigung, ist die gesamte Palette heute in den meisten Pflegeheimen und Haushalten Alltagssituation. Dieser Skandal wird zwar durch einzelne Berichte in der Presse dokumentiert, aber durch aufopfernde Mitarbeiter und Angehörige auch wieder ein Stück weit „zugedeckt“. Politik muss endlich begreifen, dass der Kampf am Pflegemarkt nicht um den kostengünstigsten Träger und die preiswerteste Einrichtung, sondern um die beste Qualität geführt werden muss. Der erste Schritt dahin ist das strikte Verbot, mit Pflege Gewinne zu machen, dann haben Fachlichkeit und Menschenwürde wieder eine echte Chance.

 

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